The Role of Helsinki in the Estonian Agenda of Modernizing Tallinn at the Beginning of the Twentieth Century

Karin Hallas-Murula

Abstract


Aufgrund der geografischen, ethnischen und kulturellen Nähe spielte Finnland eine wich¬tige Rolle bei der kulturellen und politischen Entwicklung Estlands. In den Jahren 1904-1914 erlebte die estnische Architektur ihre Finnische Periode. Wichtige staatliche Gebäude in Estland wurden von finnischen Architekten entworfen. Für viele Esten war Helsinki die nächstgelegene europäische Großstadt; ein Besuch dort lag nur 80 Kilometer über die Ostsee entfernt. Helsinkis Stadtentwicklung fand seit den 1890er Jahren in estnischen Zeitungen ihren Widerhall. Zu den urbanen Errungen¬schaften Helsinkis, die dort hervorgehoben wurden, zählten die Boulevards, Parks und Denkmale, die Neubauten, der moderne Straßenverkehr und vor allem die Sauberkeit im Stadtbild sowie das zivilisierte Auftreten seiner Einwohner. Im Jahr 1904 übernahmen die Esten erstmals die Tallinner Stadtregierung. Orientierten sie sich im Folgenden, konfrontiert mit der praktischen Verwaltungsarbeit, an Helsinki als dem Modell einer europäischen Stadt? Angesichts des immer dichter werdenden kommu-nikativen Netzwerks zwischen den beiden Stadtverwaltungen wird in dem vorliegenden Beitrag der Standpunkt vertreten, dass beim Transfer von Wissen bezüglich kommunaler Verwaltung auch Städte an der geografischen Peripherie als Vermittler von Innovation auftreten konnten. Der internationale Wettbewerb eines Generalplans für Tallinn (1913) war der erste sei¬ner Art im Russischen Reich. Bedenkt man den finnischen Einfluss auf die estnische Architektur, war es nur zu natürlich, dass der finnische Architekt Eliel Saarinen eingeladen wurde, um den Wettbewerb vorzubereiten. Zugleich rezipierten die Angehörigen der Tal-linner Stadtverwaltung die zumeist deutsche Fachliteratur und verbanden diese Recherchen mit Studienreisen nach Deutschland. Joseph Stübben und Theodor Goecke, führende Ex-perten im Bereich der Stadtplanung, wurden in die Jury berufen, wo sie auf Bertel Jung aus Helsinki und Grigori Dubelier aus Kiev trafen. In ihrem Bestreben, den Planungswettbewerb für Tallinn auf ein möglichst hohes Niveau zu heben, zeigten sich die estnischen Ver-antwortlichen flexibel und wandten sich best practise-Beispielen in ganz Europa zu – auch in Ländern wie Deutschland und Russland, denen die Esten in kultureller Hinsicht eigent¬lich reserviert gegenüber standen. Professionalität zählte hier also mehr als Nationalismus.

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